Adipositas – Auch die Schweizer werden immer dicker

von Peter Lenhard

AdiposasSpricht man dicke Menschen auf ihre Fettpolster an, sind oft die gleichen Phrasen zu hören: „Das ist genetisch bedingt.“, „Ich fühle mich wohl in meiner Haut.“, „Meine Eltern waren auch dick.“, „Ich esse gar nicht so viel.“ Nur was steckt in Wirklichkeit hinter dem Problem des Übergewichts oder sogar der extremen Fettleibigkeit (Adipositas)?
Wirklich leicht lässt sich die Frage nicht beantworten, denn die Gründe für Fettleibigkeit sind extrem vielfältig und oftmals lässt sich das Vorliegen mehrere Ursachen erkennen. Von Übergewicht spricht man im Allgemeinen bei einem BMI von 25-30. Ab einem BMI von 30 ist von Adipositas die Rede, wobei der BMI immer nur ein Anhalt darstellen kann, wenn die jeweilige Person nicht durch Muskeltraining vermehrt aktive Muskelmasse aufgebaut hat, sondern das Mehrgewicht im Wesentlichen durch Fett erzeugt wird. Gesundheitsgefährdend ist somit nicht der BMI an sich, sondern zum einen der Körperfettgehalt der dabei vorliegt sowie die Körperfettverteilung. Fettpolster an Oberschenkel und Armen sind längst nicht so gesundheitsgefährdend wie Fettdepots in der Bauchregion. Je mehr Fett dort angelagert ist, umso mehr steigt das Risiko an Herz-Kreislauferkrankungen, Diabetes, verschiedenen Krebsarten uvm. zu erkranken.



Die weltweit vorliegenden Statistiken zeigen, dass der Anteil der übergewichtigen und adipösen Menschen sehr nach Region, Alter und Geschlecht schwanken. Zudem existieren zum Teil gravierende Unterschiede bei den Ergebnissen je nach Untersuchungsmethoden. Bei reinen Befragungen neigen die Probanden dazu, sich etwas grösser und leichter zu machen als sie sind, wodurch der BMI verfälscht wird. So oder so zeigen alle Studien die gleiche Tendenz: Die Anzahl der übergewichtigen und stark übergewichtigen Menschen steigt in allen Industrieländern seit ca. 30 Jahren zum Teil extrem an. In den USA waren beispielsweise Studien zufolge im Jahr 2000 bereits ca. 65 % aller Bürger übergewichtig. Auch in der Schweiz ist eine konstante Zunahme des durchschnittlichen Körpergewichtes erkennbar. In einer Studie aus dem Jahr 2002 erwiesen sich immerhin 41 % der Schweizer als übergewichtig. Besonders gefährlich dabei ist die Zunahme der adipösen Menschen. Da diesen eine Vielzahl verschiedener schwerer Erkrankungen droht, sind mit extrem hohen Kosten der Gesundheitssysteme der Industriestaaten in der Zukunft zu rechnen.

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Wie entsteht Adipositas?
Wie bereits erwähnt, steigt der Anteil fettleibiger Menschen vor allem in den Industriestaaten. Oftmals sind bereits Kinder durch falsche Ernährungs- und Lebensgewohnheiten adipös. Die Wahrscheinlichkeit, dass diese im Laufe des Reifeprozesses ihren Körperfettanteil wieder deutliche reduzieren, ist leider sehr gering. Somit werden aus dicken Kindern oft dicke Erwachsene und aus deren Kindern auch oft wieder dicke Kinder. Interessant ist auch, dass in armen Ländern dicke Menschen zumeist nur in den hohen sozialen Schichten zu finden sind. Umso reicher ein Land jedoch ist, umso stärker findet eine Verschiebung statt, so dass beobachtet werden kann, dass in den reichen Industrieländern der Welt der grosse Anteil der Fettleibigen in den niederen sozialen Schichten vorzufinden ist. Wenn man von der Suche  sozio-psychologischer Gründe für Fettleibigkeit absieht, finden sich in der Literatur folgende Gründe vermehrt:


Genetische Aspekte
Mittlerweile sind eine Reihe von Erbkrankheiten in Verbindung mit Adipositas in Verbindung gebracht worden. Bei denen liegen Mutationen einzelner Gene vor, die dazu führen, dass vermehrt Körperfett angelagert wird. Jedoch kann dies keinesfalls als alleiniger Grund aller Fettleibigen angesehen werden, warum sie zu dick sind. Nach aktuellem Stand der Wissenschaft sind nur wenige stark übergewichtige von einem der möglichen Gendefekte betroffen. Ein anderer Aspekt, der anscheinend genetisch festgelegt ist, ist die präferierte Zusammensetzung der Nahrung aus Proteinen, Fetten und Kohlenhydraten sowie die Häufigkeit und die Masse der einzelnen Mahlzeiten. Auch scheint es genetische Veranlagungen zu geben, ob ein Mensch eher aktiv seinen Tag gestalten will oder sich eher bewegungsarm verhält. In der Fachliteratur ist zudem oft von den „thrifty genes“ die Rede. Die sind Sparsamkeitsgene, die eine hohe Effizienz der Energiespeicherung in Zeiten von längeren Hungersnöten gewährleisteten. Es macht den Anschein, dass Menschen über verschiedene Anzahl dieser Gene verfügen. Waren sie in Zeiten der Jäger und Sammler wichtig, um das Überleben während einer Hungerphase zu gewährleisten, sind sie heute zum Teil der Grund des Übergewichts.

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Soziale Aspekte
Wie bereits erwähnt, spielen die erlernten Lebens- und Essgewohnheiten eine massive Rolle, wie sich das Körpergewicht eines Menschen im Laufe des Lebens entwickeln wird. Wer bereits als Kind vor allem fett- und kohlenhydratreiches Fast Food zu sich genommen hat, Gemüse und Obst mied, und seine Freizeit vor allem vor PC und Fernseher verbracht hat, dem wird es schwerfallen, seine Gewohnheiten im Laufe des Lebens zu verändern. Daher haben Eltern eine grosse Verantwortung hinsichtlich der Vermeidung von Übergewicht bei den eigenen Kindern, indem sie eine ausgewogene, nicht zu energiereiche Ernährung und einen bewegungsreichen Alltag fördern.

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Energetische Aspekte
Abgesehen von allen genetischen und sozialen Faktoren, die Übergewicht fördern, ist doch am Ende immer wieder ein zentraler Merksatz nicht zu übersehen: „Wen du dein Gewicht beibehalten willst, musst du genauso viel Energie verbrennen, wie du zu dir nimmst.“ Diese Energieformel ist anscheinend in den letzten Jahren vermehrt aus dem Gleichgewicht geraten. Die moderne Zeit hat uns viel Arbeit abgenommen. Viele Berufe sind durch maschinelle Automatisierungsverfahren immer einfacher geworden. Das umfangreiche Dienstleistungsangebot nimmt uns vieles ab. Mussten die Menschen noch vor Jahrtausenden oft viele Kilometer am Tag zurücklegen, um an die gewünschte Nahrung zu gelangen, müssen wir heutzutage nur noch mit dem Auto den Weg zum Supermarkt antreten. Und wenn uns selbst der Bummel durch das Lebensmittel-Schlaraffenland zu anstrengend ist, bestellen wir unsere Kalorienbomben einfach bequem über das Internet. Wenige Klicks mit der Maus verbrauchen wenige Kalorien und beschaffen uns dafür Unmengen dieser. Zudem weichen vielen Menschen gern jeglicher Gefahr aus, Kalorien zu verbrennen: Jeder kleine Weg wird mit dem Auto zurückgelegt, der Fahrstuhl und die Rolltreppe wird selbst für die Überwindung einer Etage genutzt und mit den Kindern wird nicht mehr aktiv die Welt erkundet, sondern denen werden passive Unterhaltungsmedien geschenkt, auf dass diese bloss nicht zur gemeinsamen Bewegung anregen. Der jährliche Urlaub wird dann durch stundenlanges Sonnen am Strand, unterbrochen von zahlreichen Mahlzeiten am „all you can eat“ Buffet anstatt mit Wanderungen durch die Alpen verbracht.
Einige Menschen versuchen sodann der Bewegungsarmut des Alltages durch sportliche Betätigung entgegenzuwirken – oft gelingt es jedoch nicht, dem geringen Energieumsatz der modernen Zeit durch 2-3 mehr oder weniger lange Sporteinheiten in der Woche entgegenzuwirken.
Einige Studien haben nachgewiesen, dass oftmals gar nicht mehr Energie über die Nahrung aufgenommen wird, als dies vor Jahrtausenden der Fall war. Viel mehr scheint die Bewegungsarmut oft der Schlüssel zur Fettleibigkeit zu sein. Da diese eher weiter zunimmt wird befürchtet, dass bereits in wenigen Jahrzehnten 80 % der Bevölkerung der Industrieländern übergewichtig oder sogar adipös sein könnte.

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Wie kann man Übergewicht gezielt vermeiden?
Nachdem festgestellt wurde, dass Energieüberschuss wohl der Hauptauslöser der meisten Gewichtsprobleme ist, sollte ganz klar an der Verbesserung dieser Formel gearbeitet werden. Wenn sie bereits regelmässig den Weg ins Gym antreten, haben Sie bereits einen grossen Schritt getan, um Übergewicht zu vermeiden oder bestehendes abzubauen. Um jedoch auf Dauer wirklich erfolgreich zu sein, muss immer die Gesamtenergiebilanz betrachtet werden. Führt man eine ausschliesslich sitzende Tätigkeit durch, ist der Energieumsatz oftmals so gering, dass zusätzliche tägliche Bewegung absolut notwendig ist. Bewegung muss nicht nur immer beim Sport stattfinden: Nutzen Sie jede Möglichkeit der Bewegung im Alltag, verbringen sie Ihre Freizeit mit Familie und Freunden aktiv durch Radtouren, Wanderungen usw. und nicht passiv bei gemeinsamen Fernsehabenden mit Chips-Genuss.
Solange man jeden Tag auf eine ausgeglichene Energiebilanz wert legt, braucht man in der Regel keine Gewichtszunahme befürchten.


Quelle:
Ehrsam, Stoffel, Mensink, Melges: Übergewicht und Adipositas in den USA, Deutschland, Österreich und der Schweiz; Deutsche Zeitschrift für Sportmedizin. 2004.

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